

Diese Predigt kann man sich auch anhören! Liebe Gemeinde, Was sollen wir dazu sagen? Was denkt Gott über diesen
terroristischen Anschlag? Kann man darüber überhaupt was sagen? Muß man
nicht die Hand auf den Mund legen? In aller Zurückhaltung gehe ich das Wagnis
ein, nicht bloß einen Kommentar zu sprechen, sondern eine Predigt aus Gottes
Wort zu halten. Und knüpfe zunächst daran an, was wir eben aus der
Bergpredigt von Jesus gehört haben: „Selig die Trauernden, denn sie werden
getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land
erben. Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt
werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die
Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ Das ist die
Sicht Gottes: Er will trösten. Er steht auf Seiten der Opfer. Der Mord an
seinen Geschöpfen ist ein Anschlag auf den Schöpfer. Die schallende Ohrfeige
hat nicht nur die Seele der USA-Bürger getroffen, sondern auch das Gesicht
Gottes. Wenn die Welt mit den Angehörigen und dem Vaterland der Toten trauert,
wenn Glocken läuten und Schweigeminuten gehalten werden, dann stehen wir als
Christen vollen Herzens dabei. Auf dem Ankündigungsplakat für diesen
Gottesdienst stand die Frage: „Leidet Gott mit den Opfern?“ Der
Bergprediger Jesus sagt eindeutig: Ja, er leidet mit ihnen. Viele der Opfer
sind ja leider nicht weit weg. Auch Deutsche sind umgekommen. Auch hierzulande,
vielleicht auch in unserer Stadt und womöglich in unseren Reihen hier, ich
weiß es nicht, sind Angehörige von Opfern aus den brennenden Häusern oder
Flugzeugen. An ihrer Seite stehen wir, und das gerade auch im Namen Gottes. Das ist übrigens keine Frage der Nation. Gott leidet nicht
besonders mit, weil es das nordamerikanische Volk wäre, das auf seinen
Dollarscheinen stehen hat: “In God we Trust” – „Auf Gott vertrauen wir“.
Der Schöpfer ist getroffen über seine toten Geschöpfe nicht deshalb, weil es
so oft geheißen hat: “God bless America”. Das himmelschreiende Unrecht
wäre genauso groß, wenn Menschen in Schanghai oder Santiago, in Tunis oder
Bangalore, in Bagdad oder Tiflis umgekommen wären. Der Schöpfer ist an
menschengemachten Nationengrenzen nicht so sehr interessiert wie wir. Die
Geschöpfe sind es, die ihm am Herzen liegen. Wenn es ein Volk gäbe, mit dem
wir als Volk besonders fühlen, dann wären es die Juden. Jemand hat New York
die zweitgrößte jüdische Stadt der Welt genannt, bezogen auf die
Einwohnerzahl, und die USA sind ja eine politische Schutzmacht für Israel.
Auch die Juden wurden gezielt getroffen. Hier würden wir genauer hinsehen,
wenn es um Nationen geht. Doch ansonsten steht im Vordergrund: Menschen wurden
getötet, und dieses Unrecht ist auch vor Gott ein Unrecht. Dafür haben viele auch in unserem Land ein Empfinden –
nicht nur für das Unrecht, sondern auch, daß es vor Gott eines ist. Wie
selten zuvor wird nach Gott gefragt und wird gebetet – und auch öffentlich
davon geredet. Das läßt hoffen. Offenbar sind wir so abgestumpft denn doch
noch nicht, daß wir nicht wenigstens jetzt an Gott denken würden. Die Gewalt
und der Tod haben ein so unvorstellbares Ausmaß angenommen, daß es wirklich
das rein Menschliche überschreitet. Übermenschlich scheint es, und da kommen
wir auf Gott. Es ist ein ehrliches Empfinden, das viele von uns dabei leitet,
auch viele derer, die sonst nicht in der Bibel lesen. Und wenn irgendwann
leider der Gewöhnungseffekt an den Schrecken eingesetzt hat, diese Gewöhnung,
die wir aus unserer Fernsehgesellschaft kennen, dann ist Gott hoffentlich nicht
auch damit wieder vergessen. Dennoch sind wir zur Sorgfalt gerufen. Nicht alles, wofür
Gott jetzt angerufen wird, ist im Sinne Gottes. Nicht jeder Ruf nach Gott ruft
nach dem biblischen Gott, dem Vater Jesu Christi. Der Gott, der die westliche
Welt liebt und die islamischen Araber haßt, ist jedenfalls nicht der biblische
Gott! Und Rache ist nicht seine Absicht. Ich habe bisher noch nie in den
Tagesthemen erlebt, daß vollständige Bibelverse vorgelesen wurden. Am
Mittwoch nach dem Anschlag passierte jedoch genau dies. Die Kommentatorin
sagte: „Präsident Bush muß jetzt das Neue Testament vergessen und das Alte
Testament zur Hand nehmen.“ Und dann zitierte sie die Worte aus dem dritten
Mosebuch, in denen von der Vergeltung Auge um Auge, Zahn um Zahn die Rede ist.
Erschütternd fand ich das. Das ist eine klare Entscheidung! Eine Entscheidung
für Religion, die unserem verständlichen Wunsch nach Vergeltung Rückenwind
geben möge. Eine Entscheidung aber gegen die Worte Jesu und gegen Gott, den
Vater Jesu Christi. Der Bergprediger hat nicht bloß die selig gepriesen, die
nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, sondern auch die Gewaltlosen, die
Barmherzigen und die Friedensstifter. Wenn doch genauso viel von Jesus die Rede
wäre, wie man jetzt von Gott redet! Ich habe in der Predigt einen ersten Kreis geschlagen. Ich
habe die Frage bewegt, ob Gott mit den Opfern leidet. Ich habe in die
Bergpredigt Jesu geschaut und ein klares Ja gefunden. In einem zweiten Kreis
möchte ich ausholen und fragen, ob die Bibel noch mehr sagt zur Katastrophe
vom Dienstag. Ob noch eine andere Deutung darin liegt. Auf dem Einladungsplakat
habe ich das mit der Frage skizziert: „Woran leidet Gott noch?“ Terror uns
Gewalt gefällt ihm nicht. Was gefällt ihm noch nicht? Ich möchte dazu einen
weiteren Bibeltext vorlesen, der in der Tat das Geschehen deutet. Es ist immer
ein Wagnis, auch ein theologisches Wagnis, aktuelle Ereignisse biblisch zu
deuten. Ich habe so etwas in der Predigt noch nie gemacht. Aber ich komme nicht
vorbei an einem biblischen Abschnitt aus dem Buch der Offenbarung, der so klar
schildert, was wir an den Fernsehschirmen sahen. Nach dem ersten Schock aus den
Nachrichten war das mein persönlicher zweiter Schock, auf diesen
Bibelabschnitt hingewiesen zu werden. Aus Offenbarung, Kapitel 18 – der
Prophet beschreibt, welche Zukunftsschau er sieht: Danach sah ich, wie ein anderer Engel vom Himmel herabkam. Er
hatte besondere Macht, und von seinem Glanz erstrahlte die ganze Erde. w 2 Mit
gewaltiger Stimme rief er: »Gefallen ist Babylon, die große Stadt! Ja, sie
ist gefallen! [...] 3 Haben sich nicht alle Völker von dieser Stadt und ihren
Verlockungen berauschen lassen! Sie konnten gar nicht genug bekommen! Auch die
Herrscher dieser Erde haben sich mit ihr eingelassen. Und durch ihren
verschwenderischen Luxus rafften sich die Händler der Welt ihre Reichtümer
zusammen.« 4 Dann hörte ich eine andere Stimme vom Himmel her rufen:
»Verlasse diese Stadt, du mein Volk, damit du nicht mitschuldig wirst an ihren
Sünden und von ihrem Plagen mitbetroffen wirst. w 5 Denn ihre Sünden sind so
unermeßlich groß, daß sie bis an den Himmel reichen. Aber Gott hat nicht
eine einzige ihrer Schandtaten vergessen. w [...] 7 So wie sie einst in Saus
und Braus gelebt hat, soll sie jetzt Qual und Leid ertragen. Insgeheim aber
denkt sie: „Ich bin Königin und werde weiter herrschen. Ich bin keine
hilflose Witwe; Not und Trauer werde ich niemals erfahren.“ w 8 Aber an einem
einzigen Tag wird alles über sie hereinbrechen: Hunger, Trauer und Tod. Im
Feuer wird sie verbrennen. Denn Gott, der Herr, der mit ihr abrechnet, ist
stark und mächtig. w 9 Wer wird sie dann beweinen, wer ihr Ende beklagen? All
die Mächtigen, die Herrscher der Erde, die ihr nachgelaufen sind und sich mit
ihr eingelassen haben, werden jammern und klagen, wenn sie den Rauch der
brennenden Stadt sehen. w 10 Zitternd vor Angst werden sie aus großer
Entfernung alles mitansehen und laut schreien: „Ach, Babylon! Du großes, du
starkes Babylon! In einer einzigen Stunde ist das Gericht über dich
hereingebrochen!“ w 11 Auch die Kaufleute der Erde weinen und trauern; denn
niemand kauft mehr ihre Waren: w 12 all das Gold und Silber, die Edelsteine und
Perlen, feine Leinwand, teuerste Stoffe, Seide und scharlachrotes Tuch; edle
Hölzer, Gefäße aus Elfenbein, kostbare Schnitzereien, Kupfer, Eisen und
Marmor; w 13 Gewürze, duftende Salben und Weihrauch, Wein und Olivenöl,
feinstes Mehl und Weizen, Rinder und Schafe, Pferde und Wagen, ja sogar
lebendige Menschen. w 14 Auch die Früchte, die du so sehr liebtest, gibt es
nicht mehr. Alle strotzenden und protzenden Dinge sind dahin. Nie mehr wird
dieser Reichtum wiederkehren. w 15 So werden die Kaufleute, die durch ihren
Handel mit Babylon reich geworden sind, alles von ferne mitansehen, weil sie
Angst haben vor den Qualen dieser Stadt. Weinend und jammernd werden sie rufen:
w 16 „Welch ein Elend hat dich getroffen, du mächtige Stadt! Wo sind all
deine Schätze, die kostbare Leinwand, die Purpur- und Scharlachstoffe? Du
strahltest doch in goldenem Glanz und warst geschmückt mit Gold, Edelsteinen
und Perlen! w 17 Und in einer einzigen Stunde ist alles vernichtet, zerstört
und verloren!“ Von weitem beobachteten Kapitäne und Steuermänner mit ihren
Schiffsbesatzungen, was dort geschah. w 18 Als die den Rauch der brennenden
Stadt sahen, riefen sie: „Was auf der Welt konnte man mit dieser Stadt
vergleichen?“ w 19 In ihrer Trauer streuten sie sich Asche auf den Kopf, und
laut weinend klagten sie: „Welch ein Jammer um dich, du mächtige Stadt! Mit
unseren Schiffen wurden wir reich durch deinen Reichtum. Und so schnell ist es
damit nun endgültig vorbei!“ Das ist das Bild, welches der biblische Prophet gesehen hat:
Eine Stadt, Zentrum des Welthandels, Hochburg des Luxus. Sie ist gefallen. An
einem Tag, ja in einer Stunde hat das Unglück sie getroffen. Nur noch von
Ferne kann man sehen, wie der Rauch über der Stadt steht, und es sind vor
allem die Händler und Kaufleute, die klagen: All unser Gewinn ist verloren.
Unsere Geschäfte werden wir nie mehr so lukrativ abwickeln können wie bisher.
In der Tat – alle Handelsgüter sind im Kurs gefallen; keiner kauft sie mehr.
Diese Stadt wird Babylon genannt. Und Bibellesern zu allen Zeiten war klar,
daß das ein symbolischer Name sein muß. Oft hat man gemeint, das antike Rom
sei diese Stadt, und das nicht zu Unrecht. Doch einige Einzelheiten passen
nicht auf das antike Rom – alle Bemerkungen, die vom Welthandel sprechen. Ist also New York diese Stadt? Wurde ihr Unglück vor zwei
Jahrtausenden in der Bibel angekündigt? Hört bitte genau zu, was ich sage und
was ich nicht sage! Ich sage nicht: Jetzt ist die letzte Phase der
Weltgeschichte angebrochen, die Endzeit. Wenn auch die biblische Vision auf den
letzten Seiten der Bibel steht, habe ich doch keinen Anhaltspunkt, um heute die
Endzeit auszurufen. Ich sage auch nicht: Gott habe die Menschen für ihre
Sünden bestraft. Wer umgekommen ist, sei wegen seiner Schuld umgekommen. Nein,
nur einer ist ganz unmittelbar wegen unserer Schuld umgekommen: Jesus Christus
am Kreuz, stellvertretend. Auch sage ich nicht: Die Terroristen, wer immer es
auch war, seien Werkzeuge Gottes gewesen, denn sie hätten das durchgeführt,
was die Bibel hier ankündigt. Nein, Gott stiftet niemanden zur Gewalt an. Im
biblischen Text ist ja überhaupt kein Urheber der Katastrophe angegeben.
Niemand kann seine Untaten aus der Bibel legitimieren. Was aber dann enthüllt
uns diese biblische Vision? Sie macht klar, wozu Gott „Nein“ sagt. Der Name der
Stadt „Babylon“ ist Symbol für das Antigöttliche – für das, was Gott
ablehnt. Das ist, ich sag’s noch einmal, weder eine Nation noch ein einzelner
Mensch. Wir zeigen nicht zynisch mit dem Finger nach Amerika. Sondern es geht
um eine Haltung, einen Lebensstil. Und zwar um die Haltung, die ihr Vertrauen
auf Macht setzt, auf Reichtum, auf Unterdrückung und trügerische
Selbstsicherheit. Babylon in der biblischen Vision – das Welthandelszentrum,
in dem nicht nur Luxusartikel aller Art umgeschlagen werden, sondern auch
Menschenseelen. Ich zitiere dazu aus einem Kommentar aus dem Jahr 1969 –
geschrieben, Jahre bevor die Türme des World Trade Centers standen. Babylon
„hatte einen Luxus entwickelt, der unverschämt und geradezu sündhaft war.
Weil ein solches Ausmaß an Reichtum immer auf Kosten anderer Menschen und
Völker geht, darf kein Mensch ihn sich leisten. Es gibt einen unsozialen
Reichtum. Dabei läßt sich allerdings nicht leugnen, daß dieser Luxus zu
einem wirtschaftlichen Faktor ersten Ranges werden kann. Er versorgte im Falle
Babels hunderte von Gewerben bis in die letzten Winkel des Landes mit
Aufträgen, hielt den Geldumlauf im Gang und bedeutete einen unersättlichen
Markt. [...] Aber eine Zivilisation, aufgebaut auf [Abgötterei] und Geldsucht,
kann keinen Bestand haben. Eines Tages heißt es: Gefallen, gefallen ist Babel.“ So weit der Bibelkommentar. Das ist es, was Gott nicht
gefällt: Wenn der Wohlstand die Basis unseres ganzen Lebens ist, wenn wir
darauf vertrauen und wenn das auf Kosten anderer geschieht. Niemand wird ja
leugnen, daß die dritte Welt auch (!) deswegen arm bleibt, weil wir im Westen
unseren Wohlstand ausbauen. Das ist es, was Gott anprangert, wenn er es mit dem
Namen „Babylon“ bezeichnet. Und hier können wir uns nicht ausnehmen, wir Deutschen
nicht und wir Christen nicht. Denn wir sind Teil dieser Gesellschaft. Was
unsere Gesellschaft ausmacht, das wird in diesen Tagen klar erkennbar. Der
Kanzler und viele andere Politiker haben erklärt: Der Angriff auf das Pentagon
und das World Trade Center war auch ein Angriff auf das Herz unserer
Gesellschaft. Damit ist alles gesagt. Das also ist das Herz unserer
Gesellschaft, nicht bloß nach Auskunft einiger Frommer, sondern nach Auskunft
derer, die diese Gesellschaft gestalten: Militärische Verteidigung und der
Welthandel der Industriestaaten. Auf makabre Weise haben sich die Terroristen
diejenigen Ziele ausgesucht, die am meisten Symbolkraft haben. Und wenn wir
diesen erschütternden Bibeltext daneben halten, bekommt das Ganze aus Gottes
Sicht noch einen Namen: „Babylon“, also: das, was Gott ablehnt. Das, was
bei Gott Trauer und Zorn hervorruft. Der Mord an den Opfern ist ein Schlag der
Terroristen ins Gesicht Gottes. Doch genau so ein Schlag in sein Gesicht ist
unser Lebensstil, unser Vertrauen auf Wohlstand und auf die
politisch-militärische Absicherung dieses Wohlstandes. Gott leidet mit den
Opfern, jawohl. Doch genauso leidet er an unserem menschlichen Herzen, das dem
Geld verhaftet ist und das verhärtet ist gegenüber den Armen, die mit ihrer
Armut für unseren Wohlstand bezahlen. Dazu sagt Gott Nein! Davon müssen wir
umkehren. Natürlich kann kein einzelner von uns austreten aus dieser
Gesellschaft. Natürlich ist es nicht damit getan, von nun an mit schlechtem
Gewissen zu konsumieren. Aber daß wir unseren Lebensstil allzu fraglos
hingenommen haben und für den Normalfall erklärt haben; daß wir nicht
unzufriedener waren mit den ungerechten Strukturen, welche unsere
Industriestaaten hervorbringen, das ist unsere Schuld. Und sie wird aufgedeckt
im Spiegel der Terroranschläge auf die symbolischen Herzen unserer
Gesellschaft. Selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit sagt
Jesus. Selig also alle Angehörigen der unschuldig umgekommenen Opfer. Selig
aber auch alle Armen dieser Welt, die jahrzehntelang schon gehungert und
gedürstet haben nach Gerechtigkeit, und wir leben auf Seiten derer, die den
Handel treiben und davon profitieren und auf diese Weise auch im Verborgenen,
wie der Bibeltext es sagt, mit „Seelen von Menschen“ handeln, mit ihren
Leben. Die Anklage Gottes steht. Auch wenn die Zeiten der Sklaverei weithin
vorbei sind. Darin liegt der Schock, liebe Gemeinde und liebe Gäste, der
zweite Schock, den ich empfand, als ich auf dieses Bibelwort stieß. Die von
Gott angeklagte Stadt namens Babylon – das sind auch wir. Wir Angehörige
westlicher Industriegesellschaften. Auch wir Christen. Christen haben immer
wieder versucht herauszufinden, wer denn in der biblischen Vision gemeint sei:
Das gottlose Rom? Der gottlose Kommunismus? Der Islam vielleicht? Der Hammer
ist nun dies: Wenn die Deutung dieser Predigt stimmt, daß Bibeltext und
Attentat zusammengehören – und bitte prüft selbst nach, ob sie stimmt! –
wenn sie stimmt, dann sind auch wir westlichen Christen gemeint unter denen,
die tun, was Gott ablehnt. Dann sagt Gott Nein zum Vertrauen in unsere
Gesellschaftsordnung. Natürlich vertrauen wir auch Gott und Gott am meisten.
Aber Hand aufs Herz: Wieviel reale Sicherheit, wieviel tatsächliche Beruhigung
haben wir doch bezogen aus unserem Wohlstand? Aus unserer Gesellschaftsordnung?
Aus unserem stabilen Staatengefüge? Wenn es eine biblische Deutung des Terror-Attentats gibt,
dann ist es diese: Das Attentat muß uns aufrütteln und zur Umkehr rufen. Wir
sind vor die Wahl gestellt, daß wir Schluß machen mit unserem doppelten
Vertrauen auf Gott und auf unsere Gesellschaft mit ihrem Wohlstand. „Verlaßt
diese Stadt“, also diesen Lebensstil ‚Babylon‘. Gott ruft uns zur Umkehr
– und zur Hinkehr zur Gerechtigkeit. Das wird auch heißen, daß wir die Not
der Armen ernster nehmen als wir weithin bisher getan haben. In solcher Umkehr werden wir aber auch Halt finden. Da, wo
jetzt in der Welt Angst regiert, wo man getroffen spürt, wie verletzlich und
angreifbar unsere Zivilisation ist, wie man der Willkür von
Selbstmordattentätern ausgeliefert ist, da ruft Gott zum Glauben. Ruft dazu,
unsere Fundamente in ihm festzumachen. Unsere Wurzeln herauszuziehen aus dem
Boden, der lang schon ethisch vergiftet war, und wir haben es nicht sehen
können oder wollen. Seien wir nicht bloß aufgewühlt von den Nachrichten.
Seien wir aufgerüttelt zu Gott hin. Daß uns die Frage nach ihm nicht mehr
losläßt, auch wenn wir uns an die Katastrophe gewöhnt haben. Gott bietet uns
das Vertrauen an. Er ist ja der letzte Herr der Welt. Auch das macht das Buch
der Offenbarung deutlich: All das Schreckliche, das noch kommen kann, ist
eingebettet in Gottes Herrschaft. Gott läßt sie sich nicht aus der Hand
nehmen. Bei ihm haben wir eine viel sicherere Zuflucht als in den
Sicherheitsangeboten unserer Zivilisation. Machen wir also neu ernst mit Gott.
Drücken wir es konkret aus in der Hinkehr zu ihm und in der Abkehr vom
falschen Vertauen und auch in der Abkehr von Ungerechtigkeit, die Gott kraß
mißfällt. Die brennende Stadt heute – sie ist nicht von Gott inszeniert
worden. Gott bestraft damit nicht diejenigen, die den Tod fanden. Wir aber sind
es, die diese brennende Stadt deuten können. Ich deute sie so, daß Gott darin
aufdeckt, was er haßt. Ich deute sie im Licht der Bibel als Aufruf zur Umkehr. Zum Schluß noch ein weiteres Bibelwort. Es dient dazu, das
Gesagte noch einmal zu bündeln. Es bringt uns nichts Neues, aber unterstreicht
noch einmal, was die Bedeutung von Katastrophen im Lichte Gottes ist. Lukas 13:
Zu dieser Zeit berichtete man Jesus, daß Pilatus einige Männer aus Galiläa
während des Opferdienstes im Tempel hatte [blutig] niedermetzeln lassen. [...]
- 2 «Ihr denkt jetzt vielleicht», sagte Jesus, «diese Galiläer seien
schlimmere Sünder gewesen als andere Leute, weil sie so grausam ermordet
wurden. - 3 Ihr irrt euch! Aber eins sollt ihr wissen: Wenn ihr euch nicht zu
Gott hinwendet und euer schlechtes Leben ändert, dann werdet ihr genauso
umkommen. - 4 Erinnert euch an die achtzehn Leute, die starben, als der Turm
von Siloah einstürzte. Glaubt ihr wirklich, daß ausgerechnet sie die
schlimmsten Sünder in Jerusalem waren? -- 5 Nein! Aber wenn ihr euer Leben
nicht ändert, wird es euch ebenso gehen.» Nicht nur von der brennenden Stadt redet die Bibel, sondern
auch vom stürzenden Turm. Im Gegensatz zur Vision über Babylon ist die
Begebenheit mit dem stürzenden Turm ein echtes geschichtliches Vorkommnis. Die
Leute damals fragten, was dieses Unglück zu bedeuten hatte. Jesus antwortet:
Ihr könnt an dem Unglück nicht ablesen, wer etwa gesündigt hat. Die
Umgekommenen waren keine besonderen Sünder, die Gott etwa bestraft hätte.
Vielmehr hätte er Anlaß, uns alle zu bestrafen, und daher gibt es jetzt nur
eins: Umkehr zu Gott. Keiner möge die heutige Predigt als zynisch empfinden, wenn
ich angesichts des zehntausenfachen Leids zur Umkehr aufrufe und wenn ich
aufzeige, was Gott ablehnt. Damit das richtig gehört wird, deshalb habe ich
eben noch diesen weiteren Bibelabschnitt herangezogen. Der stürzende Turm, ob
er nun 18 wie damals oder 1800 oder 18.000 erschlüge – er ist keine
unmittelbare Strafe Gottes. Aber deutlich wird, wie abhängig wir von Gott
sind. Wie wenig unsere eigene Sicherung vermag. Wir haben heute Gelegenheit,
uns Gott zuzuwenden. Das Gespräch mit ihm aufzunehmen. Unsere Lebenswurzeln zu
überprüfen. Gott läßt uns heute sagen, angesichts der Ereignisse der
letzten Woche: Kehrt um zu mir. Sucht mich, und ihr werdet leben! Amen.
Teil 1: http://www.teensweb.de/download/predigt1.mp3
Teil 2: http://www.teensweb.de/download/predigt2.mp3
seit letzten Dienstag ist die Welt nicht mehr die gleiche. Das kann man ohne
Übertreibung sagen. In den USA und hier bei uns ist die Sorglosigkeit dahin.
Selbst wenn es nicht zum Krieg kommt, hat sich doch die Gesellschaft
verändert. Außer daß unvorstellbar viele Menschen getötet wurden, ist es
auch eine schallende und gezielte Ohrfeige in das Nationenbewußtsein der
Amerikaner. Die Seele der Bürger der USA wird ihre Narben noch lange tragen,
und dementsprechend wird sich dieses Land auch noch lange verhalten.